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03.12.2018

Interview Dr. Kienzlen: Was Kattowitz für den Südwesten bedeutet

Chef der Landesenergieagentur zu Möglichkeiten von Bürgern, Kommunen und Politik


Vom 3. bis 14. Dezember 2018 findet im polnischen Kattowitz die 24. UN-Klimakonferenz statt. Dort wollen die Vertreter der internationalen Staa-tengemeinschaft vereinbaren, wie sich das Pariser Klimaabkommen von 2015 praktisch umsetzen lässt. Das ist auch das Thema des Internationalen Klimaschutzkongresses ICCA im Mai 2019 in Heidelberg, zu der rund 1.500 Teilnehmer erwartet werden. Wie sich die Beschlüsse auf Baden-Württemberg und seine 1.100 Kommunen auswirken könnten und welche klimafreundlichen Kommunen es bereits heute schon gibt, dazu haben wir Dr. Volker Kienzlen befragt, den Geschäftsführer der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg.


Herr Dr. Kienzlen, was erwarten Sie als Klimaschutz-Fachmann vom Klimagipfel?

Dr. Volker Kienzlen: Vor drei Jahren haben die Staaten in Paris vereinbart, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen - wenn möglich sogar auf 1,5 Grad. 184 Staaten, also die meisten Staaten dieser Erde, haben das Abkommen inzwischen ratifiziert. Ziel des Abkommens ist es, die Risiken und Auswirkungen des Klimawandels deutlich zu reduzieren.

Was bislang an konkreten Zusagen vorliegt, reicht jedoch höchstens dafür aus, die Erderwärmung auf rund 2,7 Grad zu stoppen. Bislang haben nicht einmal alle Staaten konkrete Zahlen vorgelegt. Daher trifft sich die Staatengemeinschaft nun regelmäßig, um die Reduktionszusagen zu konkretisieren. Sie überprüft die Klima- und Reduktionspläne der einzelnen Länder auf ihre Einhaltung hin und ermutigt die Länder, ihre Klimaziele höher zu stecken.

Die erste Kontrolle findet nun in Kattowitz statt. Ich erwarte, dass mehr Staaten als bisher den Klimaschutz ernst nehmen und eindeutigere Zusagen oder Ziele formulieren als dies bisher der Fall war.

Was bedeuten die Beschlüsse für Baden-Württemberg und seine Kommunen?

Das Land, die Städte, die Landkreise und die Gemeinden müssen die Beschlüsse letztlich umsetzen. Davor liegt allerdings noch die Umsetzung in EU-Recht und Bundesrecht, erst dann folgen die Landes- und Kommunalebene. Je früher die Beteiligten auch ohne EU-Vorgaben vorangehen, desto besser ist ihre Ausgangsposition später. Klimaschutz heißt, Chancen für die regionale Entwicklung zu nutzen.

Warum sollten Landes- und Kommunalpolitiker auch ohne Anweisung „von oben“ handeln?

Klimaschutz geht uns alle an. Wir im Südwesten verursachen zwar nur 0,2 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes. Pro Kopf ist unser Ausstoß jedoch überproportional hoch. Und: Wir dienen als Blaupause für andere Länder. Wenn wir es nicht schaffen, werden diese es nicht mal versuchen, steht zu befürchten. Daher müssen Land und Kommunen und jeder einzelne jetzt und sofort etwas gegen die Klimaerwärmung tun. Deutliche Zeichen dafür haben wir gerade erlebt: Der vergangene Sommer mit monatelanger Dürre und Hitzephasen hat gezeigt, dass der Klimawandel auch hier angekommen ist.

Was können die Bürgerinnen und Bürger im Land konkret tun?

Einiges. Klimaschutz fängt im Kleinen an, jeder kann im Alltag seinen Beitrag leisten. Dazu gehört unter anderem weniger Auto fahren, das eigene Wohnhaus energetisch sanieren, Flugreisen einschränken und kompensieren, seltener Fleisch essen, Strom sparen, bewusster einkaufen und Plastikmüll vermeiden.

Drei Beispiele: Wer Auto fährt, verursacht in Deutschland im Schnitt 16,6 Kilogramm CO2 auf 100 Kilometern, ein Bahnfahrer dagegen nur sie-ben Kilogramm. Energetisch sanierte Häuser stoßen weniger als 15 Kilogramm CO2 pro Quadratmeter und Jahr aus, unsanierte Gebäude bis zu 75 Kilogramm. Und auch beim Essen geht es um Klimaschutz. Die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch verursacht 20 Mal so viel Treibhausgase wie ein Kilo Weizen.

Was macht das Land Baden-Württemberg für den Klimaschutz?

Das Land hat mit dem Klimaschutzgesetz und dem Integrierten Energie- und Klimaschutzkonzept (IEKK) die richtigen Schwerpunkte gesetzt, um dem Kli-mawandel entgegenzuwirken. Bis Ende des Jahres sollen die Eckpunkte für die Novellierung des Klimaschutzgesetzes ins Kabinett gehen. Im Gespräch ist eine Treibhausgasreduktion bis 2030 von 42 Prozent. Das ist eine Herausforderung, da wir auch in Baden-Württemberg unsere bisherigen Ziele nicht erreichen werden. Die Ziele für die einzelnen Sektoren, also für Strom, Wärme und Mobilität, werden im IEKK geregelt. Umsetzen müssen das letztlich die Kommunen. Städte und Gemeinden sollten daher nicht abwarten, sondern jetzt systematisch ihre Energiesparpotenziale angehen.

Wo bekommen die Kommunen dafür Unterstützung?

Ganz konkret trägt beispielsweise seit 16 Jahren das Förderprogramm Klimaschutz-Plus des Landes dazu bei, dass mehrere tausend kommunale und gewerbliche Wohn- und Nichtwohngebäude energetisch saniert werden konnten.

Ein wichtiges Instrument für den kommunalen Klimaschutz ist aus unserer Sicht der European Energy Award eea. Das ist vor allem ein Management-Werkzeug, das Kommunen einen schnellen Überblick über alle kommunalen Handlungsfelder gibt. Durch eine standardisierte Bewertung ist nicht nur ein bundesweiter Vergleich möglich, sondern auch der Vergleich mit Städten in Österreich, der Schweiz oder Frankreich. Im Südwesten nutzen über 100 Städte und Gemeinden sowie 20 Landkreise den eea. Anfang November wurden in Baden bei Wien die Städte Waiblingen, Tübingen  und Ludwigsburg sowie der Landkreis Karlsruhe mit dem eea in Gold ausgezeichnet. Alle eea-Kommunen im Land werden von einem Berater unterstützt, der in der Regel aus einer regionalen Energieagentur kommt.

Kommunale Klimaschutzaktivitäten und insbesondere die „vertikale Integration“ der internationalen, nationalen und regionalen Ebenen sind auch das Thema des Internationalen Klimaschutzkongresses – der International Conference on Climate Action ICCA 2019 – im Mai nächsten Jahres in Heidelberg. Entscheidungsträger dieser Ebenen aus aller Welt greifen dort die Ergebnisse von Kattowitz auf, führen sie weiter und wollen sie konkretisieren. Das Bundesumweltministerium richtet die Konferenz gemeinsam mit der Stadt Heidelberg und dem Land Baden-Württemberg aus. Ziel ist, Initiativen zu erarbeiten, die die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen voranbringen. Die KEA wird einen Teil der Veranstaltung begleiten.

Was sollte für Kommunen heute auf der Tagesordnung stehen?

Dringend nötig ist, dass die Kommunen ihre Anstrengungen im Klimaschutz jetzt intensivieren und alle Akteure mit ins Boot holen. Denn die Emissionen entstehen vor Ort, in den Haushalten, den kommunalen Gebäuden und den Unternehmen. Um die aktuellen Klimaschutzziele zu erreichen, müssen wir die Geschwindigkeit unseres Handelns mindestens verdreifachen. Ich empfehle allen Kommunen, Klimaschutz systematisch voranzutreiben.

Im Oktober wurde bekannt, dass die Bundesrepublik Strafen zahlen oder Emissionsrechte von anderen EU-Ländern kaufen muss, wenn die EU-Klimaschutzziele nicht erreicht werden. Was bedeutet das genau?

Die EU verpflichtet Deutschland, einen Teil der Emission an Treibhausgasen bis 2030 um 38 Prozent gegenüber 2005 zu senken. Wir bekommen für jedes Jahr eine sinkende Zielsumme an Emissionen zugeteilt. In Eigenregie müssen wir dafür sorgen, dass sie auch eingehalten werden. Derzeit steigen jedoch die Emissionen. Verfehlt Deutschland das Ziel, muss der Staat Strafen zahlen oder Zertifikate von anderen EU-Ländern kaufen – und zwar schon bald. Die Agora Energiewende, ein think tank des Bundes, bezifferte das Kostenrisiko für den Steuerzahler von 2021 bis 2030 auf 30 bis 60 Milliarden Euro.

… Ihr Kommentar dazu?

Bevor es soweit kommt, sollten wir das Geld besser in die kommunale Wärme- und Mobilitätswende investieren. Auf Bundesebene sehe ich hier jedoch aktuell zu wenig Anstrengungen, das Thema anzugehen. Das Land und die Kommunen müssen daher selbst aktiv werden. Wir als KEA unterstützen sie seit fast 25 Jahren dabei, sich nachhaltig dem Klimaschutz zu verschreiben.

Was bringt denn Klimaschutz den Kommunen? Er ist doch zunächst recht teuer.

Städte, Gemeinden und Landkreise, die aktiv Klimaschutz betreiben, senken ihre Energiekosten und verbessern die Wirtschaftlichkeit ihrer Liegenschaften. Sie treiben die Erneuerung der Infrastruktur bei Stromversorgung, Gebäuden und Verkehr voran. Sie reduzieren die Belastung durch Lärm und Emissionen, machen sich unabhängiger von Energieimporten und halten Arbeitsplätze und Wertschöpfung in der Region. Parks, Stadtwälder oder begrünte Dächer über-nehmen wichtige Aufgaben bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels und beim Erhalt der natürlichen Vielfalt. So werden diese Kommunen für ihre Bewohner grüner und lebenswerter. Und das macht sich wiederum in der Außenwirkung bemerkbar: Eine positives Image der Kommune lockt Investoren und damit Neubürger an.

Ein wichtiger Aspekt sind ja die kommunalen Liegenschaften, die auch eine wichtige Vorbildrolle haben. Welche Kommune im Land ist da besonders erfolgreich unterwegs?

Vorbildhafte Beispiele in Baden-Württemberg gibt es inzwischen genug. Etwa die Stadt Plochingen: Mithilfe der KEA hat die 14.000 Einwohner zählende Stadt ein wegweisendes Element des kommunalen Klimaschutzes, das kommunale Energiemanagement, erfolgreich eingeführt. Wichtigstes Instrument ist dabei die zentrale Überwachung des Energie- und Wasserverbrauchs aller Liegenschaften. Auch Schulungen kommunaler Mitarbeiter und Verbesserungen der Gebäudetechnik haben dazu beigetragen, im Rathaus, in der Bücherei und auf dem Friedhof sowie in Schulen oder Sport- und Stadthallen Energie zu sparen.

Woher kam das Geld für notwendige Investitionen?

Die Stadt hat mittels Energiespar-Contracting in mehrere Effizienzmaßnahmen investiert: Ein Energiedienstleister übernahm die Finanzierung der Vorhaben und erhält im Gegenzug die eingesparten Energiekosten während der Projektlaufzeit. Damit spart die Kleinstadt am Neckar Energie in ihren Liegenschaften ohne eigene Kostenbelastung und beweist, dass auch kleine und mittlere Kommunen wichtige Schritte zu mehr Klimaschutz erfolgreich umsetzen können.

Wie lässt sich die Bevölkerung beim Klimaschutz einbinden?

Bei der Stadtplanung in Ludwigsburg etwa kommt auch die Bevölkerung zu Wort: Alle drei Jahre sammeln Bürgerschaft und Fachleute gemeinsam Ideen, um die Stadt nachhaltiger zu machen. Die Ziele werden anschließend offiziell festgehalten und sukzessive umgesetzt. Ludwigsburg verwirklicht bereits seit 2004 mit seinem Stadtentwicklungskonzept zahlreiche Klimaschutzmaßnahmen. Dazu gehören der Bau von Grünanlagen mitten im Gewerbegebiet der Weststadt sowie ein zentrales Konzept zum Ausbau von Rad- und Radschnellwegen. Auch die gezielte Förderung erneuerbarer Energien ist Teil des Ludwigsburger Entwicklungsplans, beispielsweise durch das Energie-Projekt „SolarHeat-Grid“: Eine der größten Solarthermie-Anlagen in Deutschland soll hier entstehen.

Was empfehlen Sie einer Kommune, die klimafreundliche Wärme anbieten möchte?

Zu den wichtigen Klimaschutzmaßnahmen in Deutschland gehört der Ausbau von Wärmenetzen: Bereits 5,7 Millionen Haushalte beziehen Heizwärme und Warmwasser über Nah- oder Fernwärme. Durch den Bau eines Wärmenetzes oder den Anschluss daran erhöhen Kommunen die Versorgungssicherheit und halten die Wertschöpfung im Ort. Bürgerinnen und Bürger profitieren zusätzlich von in der Regel niedrigeren und stabileren Wärmepreisen.

Haben Sie dafür ein Beispiel parat?

Der Gottmadinger Ortsteil Randegg im Süden Baden-Württembergs hat den Umstieg auf ein Wärmenetz bereits 2009 vollzogen. Mit Erfolg: Ein 6,6 Kilometer langes Nahwärmenetz versorgt seitdem einen Großteil der Gebäude im Ort mit regenerativer Wärme. Zusätzlich ist seit Juli 2018 eine große Solarthermieanlage angeschlossen. Deren Kollektorfläche umfasst rund 2.400 Quadratmeter und befindet sich direkt neben der Heizzentrale. Mithilfe des Wärmenetzes deckt Randegg rund 20 Prozent seines jährlichen Heizwärmebedarfs und spart 1.500 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr ein.

Bevor wir zum Ende kommen: An wen können sich interessierte Kommunen wenden?

Hilfe zum Einstieg vor Ort geben die regionalen Energieagenturen – in nahezu jedem Landkreis sind sie zu finden. Die fünf Kompetenzzentren „Kommunaler Klimaschutz“, „Energiemanagement“, „Contracting“, „Wärmenetze“ und „Kraft-Wärme-Kopplung“ der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg sind weitere Anlaufstellen. Sie erstellen Informationsmaterialien, bieten kostenfreie Impulsberatungen an und organisieren Veranstaltungen. Jede Kommune erhält hier kostenfreie Unterstützung. Finanziert werden die Kompetenzzentren vom Umweltministerium Baden-Württemberg.

Herr Dr. Kienzlen, ein persönliches Wort zum Schluss. Sie arbeiten seit vielen Jahren im Dienste des Klimaschutzes. Vermutlich wünschen Sie sich manch-mal, schneller ans Ziel zu gelangen. Was treibt Sie an, weiterzumachen?

Ja, mir geht vieles bei weitem nicht schnell genug. Insbesondere unsere seit vielen Jahren zögerliche Bundesregierung macht mir dabei Sorgen. Ich bin davon überzeugt, dass Klimaschutz die zentrale Zukunftsfrage der kommenden Generation sein wird. Dafür möglichst viele Mitstreiter zu gewinnen, treibt mich an.

 

Dr. Volker Kienzlen (58) ist seit 2006 Geschäftsführer der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg. Die Energieagentur des Landes wirkt aktiv an der Klimaschutzpolitik im Südwesten mit. Sie unterstützt die Landesregierung beim Vorantreiben von Energieeinsparung, rationeller Energieverwendung und der Nutzung erneuerbarer Energien.

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