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„Was wäre, wenn es keine Kohlekraftwerke mehr gäbe?" Folge 2 des visionären Gedankenspiels

Günther Garbe und Franziska Janke (Foto: Stadt Altensteig / BUND)

Wie wäre es, wenn die Forderungen und Ideen von professionellen Klimaschützerinnen, Umweltaktivisten und der Fridays-for-Future-Bewegung plötzlich Wirklichkeit würden? Mit der Beitragsreihe „Was wäre, wenn …“ lädt die Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) zu einem visionären Gedankenspiel ein. Die Beiträge sollen Lust auf morgen machen, dazu animieren, optimistisch in eine klima- und menschenfreundliche Welt zu blicken. Eine wichtige Botschaft dabei ist: Klimaschutz bedeutet nicht per se Verzicht. Nachhaltigkeit und Suffizienz bergen sehr viel – neue – Lebensqualität.

 

Folge 2: „Was wäre, wenn es keine Kohlekraftwerke mehr gäbe? Könnten Photovoltaik und Windkraft den Energiebedarf in Baden-Württemberg decken?“

Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist eines der wichtigsten Themen der Energiewende. Wie sähe unsere Welt aus, wenn alle Kohlekraftwerke abgeschaltet würden? Könnten Photovoltaik (PV) und Windkraft den Energiebedarf Baden-Württembergs decken?

Franziska Janke, 29 Jahre, Projektleiterin des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) für das Dialogforum Erneuerbare Energien und Naturschutz (zusammen mit dem NABU):

In einer Welt ohne Kohlekraftwerke haben Photovoltaik und Windenergie den weitaus größten Anteil an der Stromerzeugung in Baden-Württemberg. Tiefengeothermie und Biogas übernehmen ebenfalls einen Teil. Für eine höhere Energieeffizienz wird vermehrt in Smart Grids, die intelligente Steuerung der Leistungsschwankungen, investiert. Photovoltaik ist allgegenwärtig und zur Normalität geworden: Dächer, Fassaden, Radwege, Parkplatzdächer und die Flächen neben Autobahnen sind damit bestückt, auch schwimmende PV-Anlagen sind im Einsatz. Landwirte integrieren Solarzellen in den Obstbau durch sogenannte Agri-PV-Anlagen oder haben ehemalige Mais-Monokulturen für Tierfutter in blühende Wiesen mit Schafbeweidung umgewandelt. Da der Fleischkonsum gesunken und damit weniger Anbaufläche für Futtermittel notwendig ist, erkennen sie ihre Chance darin, Energiegewinnung und Landwirtschaft zu kombinieren. Naturschutz und erneuerbare Energien schließen sich übrigens keineswegs aus, denn Naturschutzgebiete und ökologisch hochwertige Gebiete frei von jeglichen Anlagen und die Solarparks werden ökologisch gestaltet. Das gilt im übertragenen Sinne gleichermaßen für die Windkraft.

Den Menschen ist klar, dass Energie klimafreundlich erzeugt werden muss und dass sich dafür Dinge ändern müssen. Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass jeder mit einem genügsameren Lebensstil dazu beitragen kann, dass wir so wenig wie möglich benötigen. Windkrafträder werden nicht mehr als hässlich oder störend verteufelt, Photovoltaik-Freiflächen mit ihrer reichen Tier- und Pflanzenwelt sind interessante Ausflugsziele geworden.

Auch die Politik trägt ihren Teil bei. Es gibt klare, regionale Ausbauziele für Erneuerbare Energien, so dass jede Region ihre Potenziale nutzt. Die dezentrale Energieerzeugung setzt sich durch, so dass die Abhängigkeit von einzelnen großen Erzeugern sinkt. Vielleicht lässt sich – bedingt durch die Industrie – nicht alle Energie im Land erzeugen. Ein deutscher und europäischer Austausch wird sich daher fortentwickeln und etablieren.

Günther Garbe, 59 Jahre, Technischer Leiter der Stadtwerke Altensteig; leitet die Arbeitsgemeinschaft Energie und Klima bei der Landesgruppe Baden-Württemberg des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU):

Da Energie nicht unbedingt vor Ort erzeugt werden muss, haben im Baden-Württemberg von morgen erneuerbare Energien Kohle- und Atomkraft abgelöst. Immer mehr Strom wird selbst erzeugt, sowohl in Privathäusern als auch in Kommunen, der Industrie oder der Landwirtschaft. Photovoltaik am Gebäude ist dank einer Verordnung der Landesregierung so selbstverständlich geworden wie ein Wasseranschluss. Der Energieverkauf aus Photovoltaik-Freiflächen hat in der Landwirtschaft erheblich an Bedeutung gewonnen.

Grundsätzliches Ziel ist es geworden, in der Landschaft eine gute Mischung zwischen Natur, energetischer Nutzung und Bebauung zu erreichen. Man schaut sich Flächen wenn nötig sehr kleingliedrig an und findet damit für jede Region die beste Lösung. Auch die Windkraft wird weiter ausgebaut, es sind noch viele nutzbare Flächen verfügbar. Da es in ganz Deutschland sowieso kein ursprüngliches Fleckchen Boden mehr gibt, kann man mit der Umsetzung eines sinnvollen Raumnutzungsplans nur gewinnen. Ohne Vorgaben passiert leider auch künftig nichts. Manchmal sind pragmatische Lösungen gefragt, etwa die Umwidmung einer Deponie, die auf einer ehemaligen Waldfläche steht, rechtlich noch als „Wald“ gilt und daher nicht mit PV bestückt werden darf.

Auf der technischen Seite haben die lastenbezogene und saisonale Speicherung in Wasserstoff, in grünen Gasnetzen und in Redox-Flow-Batterien an Bedeutung gewonnen und werden weiter ausgebaut. Für die Restlast, also den Anteil an Strom, der in bestimmten Zeiten nicht über Erneuerbare gedeckt wird, ist die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) immer verfügbar – der Brennstoff dafür kommt zunehmend aus grünen Quellen. Gesunken ist der Stromverbrauch übrigens trotz sparsamerem Verhalten und effizienterer Technologien nicht: Aufgrund von Wärmepumpen und der E-Mobilität wird er eher höher sein. Sollte Baden-Württemberg nicht allen Strom selbst erzeugen können, wird Afrika dank der Wasserstoff-Speichertechnik mit LNG (liquified natural gas) und Photovoltaik zu einem Handelspartner werden.

Ausblick:

Wie gelingt der vollständige Umbau auf erneuerbare Energien, sowohl im Strom- als auch im Wärmesektor? Welche Fördermittel halten Bund und Land dafür bereit? Wie lässt sich in vorhandenen Anlagen allein durch gutes Management Energie sparen? Das Photovoltaik-Netzwerk Baden-Württemberg und die KEA-BW-Fachbereiche Kommunaler Klimaschutz, Energiemanagement, Wärmewende sowie Grundsatzfragen und Förderprogramme unterstützen und beraten Kommunen, Unternehmen und andere Akteure neutral in diesen Fragen – für eine lebenswerte Zukunft.

Weiterführende Informationen: