Der Transportsektor steht vor einem großen Wandel, der alle Akteure betrifft – Speditionen, Logistiker, Kommunen und Energieversorger gleichermaßen. Der Güterverkehr ist das Rückgrat der modernen Wirtschaft, ermöglicht globale Lieferketten und verbindet Produzenten mit Konsumenten. Gleichzeitig ist dieser Sektor einer der größten Verursacher von Treibhausgasemissionen in Europa.
Während die Personenmobilität bereits einen stabilen Elektrifizierungsprozess durchläuft und Elektroautos mittlerweile ein vertrautes Bild im Straßenverkehr sind, bleibt der Schwerlastverkehr bislang von Diesel dominiert. Diese Asymmetrie hatte Gründe, wie z.B., Reichweitenanforderungen und Infrastrukturdefizite. Dies waren lange Zeit hohe Barrieren. Doch diese Situation ändert sich jetzt, und zwar rascher als viele erwartet haben.
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Julian Lotz
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Der E-Lkw ist in der Praxis angekommen

Der Markt für Elektro-Lkw hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Aktuell sind über 70 verschiedene E-Lkw-Modelle auf dem europäischen Markt verfügbar oder angekündigt – von leichten Verteilerfahrzeugen bis zu schweren Sattelzugmaschinen für den Fernverkehr. Alle führenden Hersteller bieten serienreife Fahrzeuge an. Die Technologie ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern läuft bereits heute im Flottenbetrieb.
"1995 haben wir den ersten Hybrid-Lkw eingesetzt. Die Entwicklung schreitet seither rasant voran und bestärkt uns, in Abhängigkeit von der Ladeinfrastruktur, in den nächsten fünf Jahren 100 weitere Null-Emissions-Lkws in unsere Flotte aufzunehmen."
(Karlhubert Dischinger, karldischinger logistikdienstleistungen)
Marktkonsens: 77% erwarten E-LKW als Standard
Eine aktuelle Befragung des Öko-Instituts zeigt, dass die Branche bereit ist für den Wandel. Die Technik macht große Fortschritte und das Momentum für den Umstieg ist da. Spätestens zum Ende dieses Jahrzehnts erwarten 77% der Befragten, dass Elektro-Lkw mindestens partiell im Einsatz sein werden. Eine weitere Studie des Öko-Instituts, unter Spediteurinnen und Spediteuren, die bereits einen Elektro-LKW im Einsatz haben, besagt, dass 93% damit rechnen, dass sich Elektro-LKW bis zum Ende des Jahrzehnts durchetzen werden.
Der Vergleich mit der Vorbefragung von 2021 ist beeindruckend: Damals rechneten nur 5% der Unternehmen damit, dass E-Lkw 2030 zum Standard werden. Wasserstoff fiel im selben Zeitraum von 80% auf 44% zurück.
Um emissionsfreie Nutzfahrzeuge flächendeckend einzuführen, nennen die Unternehmen drei Prioritäten:
- Hochleistungs-Ladenetz für Elektro-Lastkraftwagen (90%)
- Schnellere Genehmigungen für Depot-Infrastruktur (88%)
- Mautbefreiung für E-Trucks (87%)
Die Branche ist bereit. Jetzt muss die Infrastruktur (weiter) aufgebaut werden.
Neuzulassungen und Bestand: E-Lkw auf Wachstumskurs

Der deutsche Lkw-Markt ist weiterhin von konventionellen Antrieben geprägt, doch elektrische Nutzfahrzeuge gewinnen sichtbar an Bedeutung. Vom 1. Januar 2025 zum 1. Januar 2026 stieg der Bestand elektrischer Lkw um 25,2% in allen Nutzfahrzeugklassen auf 115.568 Fahrzeuge und machte damit 3 % des Gesamtbestandes aus. Mit weitem Abstand folgt Flüssiggas (LPG), im Bereich der alternativen Kraftstoffe, mit einem Bestand von 0,3% (+ 1,5 %). Bestandsdominierend ist weiterhin der Diesel-Lkw mit 91,1% (+ 1,0%). Besonders dynamisch zeigt sich das Wachstum in der Nutzfahrzeugklasse 3. Der Bestand elektrischer Lkw stieg rapide um 89,1% und damit mit weitem Abstand zur nachfolgenden Antriebsklasse Flüssiggas (LNG) mit 4,8%. Kommend von einem niedrigen Ausgangsniveau sind somit 0,62% aller schweren Lkw rein elektrisch betrieben.
Dieser Trend setzte sich 2026 weiter fort. Der Anteil der Neuzulassungen elektrischer Lkw stieg in diesem Jahr (bis einschließlich Mai) auf 10,8% von 8,7% im Jahr 2025. Der Marktanteil von Diesel- und Benzin-Lkw sank hingegen auf 84,8%. Plug-In-Hybride erreichten 2026 eine Neuzulassungsquote von 2,1%, Gas (CNG) 0,6% und Hybride 0,4%. Wasserstoff-Lkw wurden 2026 bislang nicht zugelassen. Insbesondere elektrische Sattelzugmaschinen steigerten ihren Marktanteil um 69% auf 5,4% Neuzulassungsquote.
Elektro-Lkw im EU-Vergleich
Im EU-Vergleich wurden in Deutschland im ersten Quartal absolut die meisten schweren E-Lkw zugelassen (Marktanteil von 22,3%). Andere Länder lassen jedoch im Vergleich zum jeweiligen Gesamtmarkt deutlich mehr schwere E-Lkw zu. Deutschland liegt zwar mit einer Neuzulassungsquote von 3,5% über dem EU-Schnitt von 2,3%, jedoch deutlich hinter den Niederlanden (10,3%), Dänemark (10,0%), Schweden (9,7%) und Österreich (8,0%).
Ladeinfrastruktur im Aufbau: Wo steht Deutschland heute?

Eine verlässliche Ladeinfrastruktur ist die Grundvoraussetzung für den Flottenbetrieb mit elektrischen Lkw. Der Ausbau läuft, aber der Bedarf wächst (noch) schneller als das Angebot. Zum 1. Juni 2026 stehen bundesweit 88 Standorte mit 355 für schwere Nutzfahrzeuge geeigneten Ladepunkten zur Verfügung. All diese Ladeplätze verfügen über eine Stellplatzlänge von mindestens 16,5 m. In Baden-Württemberg sind es sieben Standorte mit 24 Ladepunkten. Einen stets aktuellen Überblick liefert das Dashboard der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur.
Zusätzlich kann, sofern abgesattelt wird, an einem der deutschlandweit 37.799 Pkw-Schnellladepunkte (Stand 1. April 2026) geladen werden. Geeignet sind Pkw-Schnellladepunkte mit mehr als 150 kW, um kurze Ladezeiten zu ermöglichen.
AFIR: Von der EU-Vorgabe zur deutschen Realität: So erfüllt Deutschland die AFIR-Anforderungen
Die EU-Verordnung über Infrastruktur für alternative Kraftstoffe (AFIR) gibt den Mindestausbau vor. Bis 2030 müssen entlang des TEN-V-Kernnetzes alle 60 km mindestens zwei Ladepunkte über 350 kW verfügbar sein. Für Deutschland bedeutet dies einen Aufbau von 314 Standorten. Zur Erfüllung der Vorgaben plant der Bund 351 Lkw-Schnellladestandorte an Autobahnen mit über 4.200 öffentlichen Ladepunkten.
10.000 Ladepunkte bis 2035: Ist das machbar?

Der Bedarf übersteigt die EU-Vorgaben jedoch bei weitem. Allein für Baden-Württemberg wird bis 2035 ein Bedarf von bis zu 10.000 öffentlichen Lkw-Ladepunkten erwartet. Dieser Bedarf umfasst etwa ein Drittel der Ladevorgänge. Zwei Drittel der Ladevorgänge werden voraussichtlich im Depot stattfinden. Ein wachsender Trend sind dabei halböffentliche Ladenetze, bei denen Spediteure ihre Depot-Ladeinfrastruktur für andere öffnen. Das vergrößert einerseits das Ladenetz und lastet andererseits vorhandene Kapazitäten besser aus. Um die Grundversorgung der Ladeinfrastruktur voranzutreiben, startete das Land Baden-Württemberg 2025 die Förderung eines öffentlichen Basisladenetzes für E-Lkw neben der Förderung für private Depot-Ladepunkte.
Förderungen für E-Lkw und Ladeinfrastruktur: Was ist aktuell möglich?
Die Förderlandschaft für E-Lkw und zugehörige Ladeinfrastruktur befindet sich im Wandel. Einige Programme, die in der Vergangenheit auf große Resonanz gestoßen sind, sind ausgelaufen oder ausgeschöpft. Werden Förderprogramme für E-Lkw oder die dazugehörige Ladeinfrastruktur neu aufgelegt, werden wir hier und in unserer Förderdatenbank darüber informieren.